aus dem Kinderliederbuch von Christian Morgenstern und Elsa Eisgruber, für Stimme, Blockflöte und Klavier, op. 98, Münster 2025, Mieroprint Musikverlag, Partitur, EM 9030, € 18,00
Schon in früheren Werken, etwa den Tessiner Sonnenuhr-Liedern, kombinierte Winfried Michel die Blockflöte mit der Stimme, um die rhetorischen Möglichkeiten des Instrumentes zur Geltung zu bringen. Ein Klavier ergänzt diese Kombination in seinen jüngst erschienenen Morgenstern-Liedern und bildet das musikalische „Rückgrat“. Inspiriert wurden diese Kompositionen durch eine Kindheitserinnerung: Als Michel bei einem Umzug das Kinderliederbuch Liebe Sonne, liebe Erde (1949) in die Hände fällt, macht er sich sogleich daran, einige Szenen daraus (Fips, von dem großen Elefanten, Herr Löffel und Frau Gabel, Wenn es Winter wird und Klein Irmchen) zu vertonen.
Mit dieser Sammlung kurzer Stücke (jeweils 2–3 Minuten Spielzeit) richtet er sich an "Kinder, Jugendliche, aber auch Erwachsene, die Grundlagen der Musik beherrschen". Die Einordnung der Stücke in ein bestimmtes Spielniveau scheint auch dem Komponisten selbst schwer zu fallen: „Doch was heißt „leicht“ oder „schwer“?"
So lässt er den Ausführenden an entscheidenden Stellen Freiheiten, was etwa die Besetzung der Singstimme betrifft. Die Interpretation ist Naturstimmen als auch Sängerinnen und Sängern gleichermaßen möglich, wobei der Gesangspart den Umfang c1 bis es2 nicht übersteigt und auch die Oktavlage nach Belieben verändert werden kann.
Die technischen Ansprüche, sowohl der Singstimme als auch des Blockflötenparts, übersteigen ein überschaubares Niveau nicht, doch erfordert es einen feinen „Sinn für Artikulation, Dynamik, Gestik und Agogik“, um die kleinen Szenen zum Leben zu erwecken.
Verschiedene Blockflötentypen sind gefordert: In zwei der Vertonungen setzt Michel die Sopranblockflöte ein, zweimal die Altflöte, einmal die Tenorflöte, wobei innerhalb eines Stückes kein Wechsel nötig ist. Moderne Spieltechniken wie Sputato und Flatterzunge werden in einem minimalen Maß verlangt und dienen als Klangeffekt zur Unterstreichung der Erzählung. Als Klangbasis dienen oft der Ganztonraum, Chromatik und verminderte bzw. übermäßige Intervalle. Da sich melodische Patterns aber oft wiederholen, bzw. sich der Tonraum innerhalb eines Stückes meist wenig ändert, sind diese Stücke auch eine Gelegenheit, an vielleicht noch ungewohnte Klänge abseits der Dur-/Moll-Harmonik heranzuführen.
Eine der größten musikalischen Herausforderungen stellt sicher die Intonation und Kommunikation, die „Farbmischung“ zwischen den drei Stimmen dar. Das Spiel mit dem Unisono steht im Mittelpunkt aller fünf Kompositionen. Fließende Übergänge zwischen den Instrumenten, Imitation, Unisono in verschiedenen Kombinationen, „Gleichklang, Oktavierungen, Halb-Unisono“ und alle Schattierungen dazwischen verbinden die drei gleichberechtigten Akteure in jeder erdenklichen Weise. Parlando-Abschnitte und rhythmisch freie Unisono-Stellen verlangen eine gute musikalische Kommunikation.
Der Notentext liegt ausschließlich in Partiturform vor und ist zum Musizieren daraus, in puncto Blätterstellen, leider nicht immer günstig. Jedoch ist die Form der Partitur aufgrund der großen Verbundenheit der Stimmen sicher Einzelstimmen vorzuziehen. Zusätzlich ist die Mieroprint-Ausgabe wirklich hübsch anzusehen: die Abbildungen aus dem Kinderliederbuch von Elsa Eisgruber sind darin abgedruckt und entführen die Ausführenden sofort in die Welt von Fips dem Hund und Klein Irmchen.
Da Michel den Ausführenden hinsichtlich der Besetzung einige Freiheiten lässt, können die Interpretationen auf die persönlichen Gegebenheiten und Voraussetzungen angepasst werden. Als kurze Zugabe, vielleicht sogar in einer Wettbewerbssituation oder im Hausmusikrahmen können die Morgenstern-Vertonungen durchaus ihren Platz finden.
Wer die Kinderlieder von Christian Morgenstern vielleicht selbst noch aus Kindertagen kennt, wird mit Sicherheit Gefallen daran finden. Uns haben die kleinen Stücke beim Musizieren jedenfalls sofort ein Lächeln ins Gesicht gezaubert.
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