Arie aus der Cäcilien-Ode “From Harmony”, London 1687, für Alt, 2 Altblockflöten und Basso continuo, herausgegeben von Peter Thalheimer, Reihe 11: Per cantare, Celle 2025, Girolamo Musikverlag, Partitur und Stimmen, G 11.018, € 20,00
The soft complaining flute! Moment! Diesen Text kennt man doch?
Natürlich: von einer Arie aus G. F. Händels herrlicher Cäcilien-Ode HWV 76 von 1739!
Händel nutzt die empfindsame Traversflöte auf dem Hintergrund einer Lautenbegleitung für das Porträt der „flute“, um sie mit ihren spezifischen Charakteristika den anderen in der Ode erklingenden Instrumenten wie Violoncello, Trompete, Violine und Orgel an die Seite zu stellen – in der Absicht „The Power of Music“ wirkungsvoll zu demonstrieren.
Händel hat für seine Ode das Libretto From Harmony des Dichters John Dryden benutzt, das vor ihm 1687 bereits Giovanni Battista Draghi vertont hatte. Draghi gehörte einer früheren Komponistengeneration an, nämlich der von Matthew Locke und Henry Purcell und starb 1708 – also drei Jahre vor Händels Eintreffen in London.
Achtung: Giovanni Battista ist nicht identisch mit dem überaus fruchtbaren Wiener Hofkomponisten Antonio Draghi – man vermutet aber, dass er Bruder des letzteren war.
Schon die Zeitgenossen in England wunderten sich, wie ein geborener Italiener solch idiomatisch englische Musik komponieren konnte – wo er doch von Charles II. 1663 nebst anderen Musikern eigens nach England geholt worden war, um dort die italienische Oper zu etablieren (ein Vorhaben, das dann aber letztlich erst 1711 mit Händel und seinem Rinaldo glückte).
In der Tat klingt auch diese Arie aus Draghis From Harmony sehr nach England, nicht nur wegen der nationalspezifischen Einrichtung der jährlichen Cäcilienfeiern jeweils am 22. November zu Ehren der Schutzpatronin der Musik.
Bei Draghi wird im Gegensatz zu Händels Version die Blockflöte, genauer: ein Paar aus 2 Blockflöten für das Porträt der „soft complaining flute“ eingesetzt.
Die Besetzung mit Countertenor (bzw. Alt), Blockflöten und B. c. erinnert an die berühmte Ode von John Blow auf den Tod von Henry Purcell. Auch in der Anlage der Arie als Ground mit einem fünftaktigen Bassmodell fühlt man sich immer wieder an ähnliche kunstvolle Kompositionen Henry Purcells erinnert. Die teilweise recht kühnen chromatischen Fortschreitungen der Oberstimmen hätte man in dieser Form sicher nicht in italienischen Kompositionen der Zeit gefunden.
Übrigens ist eine empfehlenswerte CD-Einspielung der gesamten Ode mit englischen Künstlern unter der Leitung von Peter Holman auf dem Markt, in der man die Einbettung dieser Arie in den Kontext der gesamten Ode sehr schön erleben kann.
Die Tradition der Cäcilienfeste hat zahlreiche Kompositionen aller bedeutenden Musiker Englands entstehen lassen – neben den Werken von Purcell, Blow, Draghi und Händel auch solche von Festing, Boyce und anderen: ein Schatzkästchen herrlicher Musik zum Lobpreis der Musik selbst!
Die hier veröffentlichte Arie von Draghi ist daraus eine würdige Kostprobe!
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