Auf den ersten Blick mag „Quartflöte“ als ein klarer Begriff erscheinen: Das ist eine Flöte im Quartabstand. Aber welcher Flötentypus? Block- oder Querflöte? Von welcher Flötenstimmung ausgehend? Eine Quarte höher oder tiefer?
Die Vielzahl der denkbaren Möglichkeiten hat immer wieder zu Problemen bei der Deutung des Begriffs geführt. Quartflöten-Musik wird deshalb oft einem falschen Flötentyp oder einer falschen Flötenstimmung zugewiesen. Entsprechende Entscheidungen müssen gleichermaßen anhand der theoretischen Quellen und der erhaltenen Kompositionen gefällt werden.
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Im 16. Jahrhundert standen die verschiedenen Größen der Flöteninstrumente immer im Quintabstand. Michael Praetorius1 belegt 1619, dass dies auch noch für den Beginn des 17. Jahrhunderts galt. Bei den Traversflöten sind dies Instrumente in g0, d1 und a1. Querflöten im Quartabstand2 zum d1-Standardinstrument sind dagegen erst 1752 bei Johann Joachim Quantz zu finden. Er schreibt: Es giebt tiefe Quartflöten; Flöten d’amour; kleine Quartflöten, u.s.w. Die ersten sind um eine Quarte; die zweyten um eine kleine Terze tiefer; die dritten aber um eine Quarte höher, als die gewöhnliche Flöte traversiere.3 Bisher ist jedoch keine einzige Komposition aus dem 18. Jahrhundert bekannt geworden, die mit Sicherheit für eine Querflöte in der Ober- oder Unterquart (Sechsfingergriff g1 bzw. a0) bestimmt ist. Außer bei Quantz ist in keiner der theoretischen Quellen des 18. Jahrhunderts eine Querflöte im Quartabstand erwähnt.4 Als früheste Originalkompositionen für die große Quartflöte in a0 gelten die Trios op. 133 von James Hook (1746–1827), gedruckt zwischen 1811 und 1816. Typisch für das 18. Jahrhundert waren dagegen Traversflöten im Terzabstand, nämlich die Terzflöte in Es (Sechsfingergrifff1)5 und der Flauto d’amore in A oder As (Sechsfingergriff h0 oder b0).6
Anders verhält es sich bei den Blockflöten. Mit den Instrumenten in B, f0, c1, g1 und d2 beschreibt Praetorius zwar auch ein Quintstimmwerk, darüber hinaus empfiehlt er jedoch, dieses um Flöten im Quartabstand zu ergänzen. Das bezieht sich besonders auf die höchsten und die tiefsten Instrumentengrößen, weil diese besser mit den mittleren Flötenstimmungen zusammen spielbar sind, wenn sie dazu im Quartabstand stehen. Die Großbassflöte (heute Subbassflöte genannt) ist deshalb bei Praetorius in F (nicht in Es) gestimmt, die kleinste achtlöchrige Blockflöte in g2 (nicht in a2), und die d2-Diskantflöte wird durch eine c2-Flöte in der Oberquarte zur g1-Altflöte ergänzt:
| Quarte höher: | c2 | g2 | ||||||||
| ↑ | ↑ | |||||||||
| Quintstimmwerk nach Praetorius: | B | f0 | c1 | g1 | d2 | |||||
| ↓ | ||||||||||
| Quarte tiefer: | F |
Instrumente im Quartabstand waren in den ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts etwas Neues, dementsprechend wurde der neue Aspekt, der Quartabstand, auch in die Instrumentenbezeichnung aufgenommen. Dies wird auch durch erhaltene Inventare bestätigt. So wurden z. B. 1620 und 1635 jeweils zwei „Quartflöten“ für die Leipziger Stadtpfeifer angeschafft7 und die Kirchenmusik in Naumburg verfügte 1658 über drei Quartflöten.8
In der musiktheoretischen Literatur wird die Quartflöte erstmals von Daniel Speer in seiner Schrift Grund-richtiger, kurz, leicht und nöthiger Unterricht Der Musicalischen Kunst (Ulm 1687 und 21697) erwähnt.9 Speer gibt eine Grifftabelle für eine in C stehende Blockflöte, deren Tonumfang über zwei Oktaven reicht.10 Dass damit nicht ein Instrument in c1, sondern eines in c2 gemeint ist, geht aus seiner Erklärung hervor, dass Flautino, eine Quart-Flöt und Flauto, eine Flöt bezeichnet.11
Speer hält offensichtlich die Quartflöte – und auch das Flageolett – für erwähnenswerter als das Standardinstrument, die „Flöt“.12 Diese nennt er lediglich in einer alphabetischen Liste der Instrumente und Fachbegriffe. Auf eine Angabe zu ihrer Grundstimmung verzichtet er.
Schon 1677, also zehn Jahre vor dem Erscheinen des Buches von Speer, beschreibt Bartolomeo Bismantova13 in Ferrara einen neuen Typus der Blockflöte. Sein „Flauto italiano“ hat zwar noch die traditionelle Stimmung in g1, die Drechselform erinnert jedoch sehr an die in Nürnberg gebauten Instrumente der Jahre um 1700, z. B. von Johann Christoph oder Johann Carl Denner.14 Instrumente in dieser Bauweise nennen wir heute vereinfachend „Barockblockflöten“. In Frankreich und England wurde das neue, stärker konische Blockflötenmodell von Anfang an in f1 gebaut, also eine große Sekunde tiefer als der „Flauto italiano“ von Bismantova. 1679 erschien mit dem Vade mecum von John Hudgebut15 in London das erste englische Schulwerk für das neue f1-Instrument. Hier und auch in den ältesten französischen Blockflötenschulen von Jean-Pierre Freillon-Poncein (1700)16 und Jacques Martin Hotteterre (1707)17 wird nur eine einzige Blockflötengröße genannt, nämlich die „Flûte a bec“ in f1.
Barockblockflöten in anderen Größen werden außerhalb Frankreichs und Englands erstmals 1701 von dem Prager Organisten Thomas Balthasar Janowka18 erwähnt. Er nennt vier verschiedene Instrumente: die Discantisticae Fletnae mit dem Umfang f1–g3, notiert im G2-Violinschlüssel, dann die Quart-Fletten, die eine Quarte über der Diskantflöte (una quarta supra Discantisticas Fletnas) und eine Oktave über den Fletnae mediae gestimmt sein sollen. Janowkas mittlere Flötengröße Fletnae mediae soll in der Unterquinte zur Discantistica Fletna (per Hypodiapente seu per quintam minorem demissiùs) gestimmt sein und im C1-Diskantschlüssel den notierten Umfang c1–d3haben. Die Fletnae Bassisticae notiert Janowka im F4-Bassschlüssel von F bis g1 und gibt an, sie erklängen zwei Oktaven unter den Discantisticae Fletnae sowie eine Duodezime unter den Fletnae mediae. Die Angaben zu den Abständen zwischen den drei hohen Flöten sind jedoch in sich nicht schlüssig: Wenn der Umfang der mittleren Flötengröße bei c1 beginnt, so steht diese in der Unterquarte, nicht in der Unterquinte zur f1-Diskantflöte. Wenn die Quartflöte eine Oktave über der mittleren Flötengröße gestimmt sein soll, so steht sie in der Oberquinte, nicht in der Oberquarte zur f1-Diskantflöte. Geht man jedoch statt von der f1-Flöte von der traditionellen Diskantflöte in g1 aus, sind die Angaben korrekt: Die Quartflöte steht dann eine Quarte höher als die g1-Flöte in c2, die mittlere Flöte eine Quinte tiefer als die g1-Flöte in c1. Bei der Bassflöte sagt Janowka nicht eindeutig, dass diese ein Vierfuß-Instrument ist und sie deshalb in der Notation bei F beginnt, jedoch eine Oktave höher klingt.19
Janowkas Angaben werden heute gelegentlich wegen der fehlenden Logik als unbrauchbar abgetan. Sie sind jedoch auch lesbar als Beleg für eine sich wandelnde Terminologie in der Zeit des Übergangs vom traditionellen Quintabstand zum hochbarocken Quint-Quart-Stimmwerk in C und F. Für die Geschichte der Quartflöte ist jedenfalls festzuhalten, dass Janowka damit eine Blockflöte in c2 meint, die eine Quarte über der g1-Flöte und eine Oktave über der c1-Flöte steht.
1732 brachte Johann Gottfried Walther sein Musikalisches Lexikon heraus. Bei ihm hat die Flûte à bec oder Flûte douce den Tonumfang f1 bis g3. Seine Taille, die Alt-Flöte reicht vom c1 bis c3.20 Walthers „Alt-Flöte“ entspricht also unserer heutigen Tenorflöte. Unter dem Stichwort Flauto (ital.) Flûte (gall.)21 erwähnt Walther jedoch noch eine gemeine oder Quart-Flöte, die ebenfalls den Umfang c1 bis c3 hat. Offensichtlich meint er damit den notierten Umfang und vernachlässigt die Tatsache, dass die Quartflöte eine Oktave höher klingt.22 Wie bei Janowka ist auch bei Walther die Quartflöte nicht eine Quarte, sondern eine Quinte höher als die f1-Flûte douce gestimmt.
Gleichzeitig mit Walthers Lexikon erschien das Museum Musicum (Schwäbisch Hall 1732) von Joseph Friedrich Bernhard Caspar Majer. Nach seiner Meinung hat man vornehmlich […] dreyerley Sorten; die 1. wird Discant-Flöthe genennet / und hat zu ihrem tieffsten Ton den Clavem f. […]; die 2. wird Alt- oder Tenor-Flöthe genennet, ist eine ganze Quart tiefer als vorige / und hat zu ihrem tieffsten Ton den Clavem c […]. Die 3. wird Bass-Flöthe genennet / und hat zu ihrem tieffsten Ton den Clavem f. wann nemlich in diesen drey besagten Flöthen alle Löcher bedeckt werden.23 Majer zählt also kleine Blockflöten nicht zu denen, die zu seiner Zeit vornehmlich in Gebrauch waren.
Janowkas C-F-Blockflötenstimmwerk entspricht dem, was Johann Philipp Eisel24 in seinem Musicus autodidactos (Erfurt 1738) beschreibt: Im Anschluss an das Kapitel Von der Fleute Douce, die bei ihm ebenfalls von f1 bis g3 reicht, folgt das Kapitel Von der Fleute Douce und so genannten Quart-Fleute. Hier schreibt Eisel, daß die Qvart-Fleute eine Qvarte höher ist, und aus dem C. gehet. Die zugehörige Grifftabelle reicht über zwei Oktaven, gemeint ist c2 bis c4. Eisel relativiert zwar den Begriff, wenn er von der „so genannten“ Quartflöte schreibt, wiederholt aber trotzdem Janowkas Behauptung, sie stünde eine Quarte höher als die Fleute Douce in f1. Dagegen beschreibt er die tieferen Flöten korrekt: …die Tenor-Fleute, welche eine Qvarte tiefer als die Fleute Douce ist, und aus dem C. gehet, deren Claves mit der Qvart-Fleute überein kommen, und Der Fleuten Bass, welcher eine Qvinte tiefer denn die Tenor-Fleute, die Bass-Claves sind mit der Fleute Douce einerley.25
Ein weiterer interessanter Hinweis auf die Quartflöte findet sich bei Daniel Berlin in seinem Buch Musicaliske Elementer (Trondheim 1744).26 Für das Standardinstrument teilt er die Griffe von f1 bis c4 mit.27 Weiter nennt er die Octav-Fløite in f2, die Quint-Fløite in d2, die Qvart-Fløite in c2 und die Alt-Fløite in c1. Bezüglich der Quint- und der Quartflöte ist also auch bei Daniel Berlin die nicht mehr gebräuchliche g1-Flöte der traditionelle Bezugspunkt für die Instrumentenbezeichnung.
In der Zusammenfassung zeigen Speer, Janowka, Walther, Eisel und Berlin eine mehr als fünfzigjährige Tradition, die Blockflöte in c2 als „Quartflöte“ zu bezeichnen. Offensichtich wurde dieser Begriff auch dann weiter verwendet, als sich der Bezugspunkt, die Standardgröße der Blockflöte, von g1 zu f1 geändert hatte und dadurch zum Normalinstrument ein Quintabstand entstanden war.
Diese spezifisch deutsche terminologische Tradition steht allerdings im Gegensatz zu den Entwicklungen in anderen Ländern. In England wurden gleichzeitig mit der f1-Barockblockflöte auch logische Begriffe für die anderen Flötengrößen eingeführt. Ältester Beleg dafür ist das Manuskript von James Talbot, entstanden etwa 1690. Hier werden außer der Treble Flute in f1 sieben weitere Blockflöten erwähnt: Eighth higher [f2], Fifth higher [c2], Third higher [a1], Voice, Third lower [d1], Tenor 5th lower [b0 oder c1 ?], Bass [f], Pedal or Double Bass [c].28 Im Traktat New Musical Grammar von William Tans’ur, London 1746, wird diese Terminologie bestätigt: Of Flutes there are many Sorts, as a Concert Flute; a Third Flute; a Fifth, and a Sixth, and Octave Flute.29 In Italien und Frankreich enthielten die Begriffe für kleine Blockflöten keinen Hinweis auf deren Stimmtonabstand zum Normalinstrument.
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Der Begriff „Quartflöte“ ist nicht nur in der musiktheoretischen Literatur zu finden, sondern auch in Musikdrucken und -handschriften. Die ältesten bisher bekannt gewordenen Werke sind die „Melismata epistolica“ des Flensburger und später Tönninger Kantors Tobias Eniccelius (vor 1635 bis nach 1680).30 Es handelt sich dabei um eine Sammlung von Strophenarien für eine Singstimme, zwei Quart-Flöten oder Violinen, Viola da gamba und einen General-Baß zum Clavicymbel, Spinett oder Regal, 1667 gedruckt in Kiel. Die Stimmen für Quartflöten bzw. Violinen sind im C1-Diskantschlüssel notiert und haben insgesamt den notierten Umfang c1 bis a2. Gemeint sind Instrumente, die eine Quarte höher als die g1-Altflöte gestimmt sind, also c2-Sopranblockflöten.
Der Breslauer Komponist Martin Mayer (ca. 1643–1703) verlangt in seinem großbesetzten Werk Jubilate. Auff mein Psalter und Harfenklang. 37 o 44 v,31 datiert auf das Jahr 1675, ebenfalls zwei Quartflöten. Dieses Stück wurde schon 1918 von Max Schneider32 beschrieben und auszugsweise als Partitur veröffentlicht. Darin sind Singstimmen, Streicher, Zinken, Posaunen, Trompeten, Pauken und ein fünfstimmiger „Flöten-Chor“ besetzt.33 Letzterer besteht aus Quartflöte 1, 2, Altflöte, Tenorflöte, Bassflöte o Fagotto, also einem fünfstimmigen Blockflötenensemble, wie wir es z. B. aus der „Sonata pro Tabula“ von Heinrich Ignaz Franz Biber (1644–1704) und anderen34 kennen. Bei den Quartflöten Mayers handelt es sich offensichtlich ebenfalls um Instrumente in Sopranlage, die eine Quarte über der g1-Altflöte stehen, also um Sopranblockflöten in c2. Die Partien sind im G2-Violinschlüssel notiert und haben den notierten Umfang g1 bis a2.
Allerdings entstanden um 1700 auch Partien für „Flauti alla 4ta“, die nicht für c2-Sopranblockflöten bestimmt sein können. Johann Hugo von Wilderer schreibt z. B. 1703 in der Oper „La Monarchia stabilita“ für die Klagearie „Potrai vedermi piangere“35 „2 Flauti alla 4“ vor und notiert diese im C3-Altschlüssel mit dem Umfang c0–f1. In der Szene „L’usignol che si lagna“36 verlangt er von den „Flauti alla 4ta uniso:“ den Umfang c0–a1. Damit kann nur eine oktavierende Ausführung auf einer c1-Tenorflöte gemeint sein, also klingend c1–a2. Für dieses Instrument ist die Bezeichnung „Flauto alla quarta“ korrekt gebildet, wenn man von der f1-Blockflöte ausgeht, die Wilderer mit „Flauto“ bezeichnet.
In der Zeit vor 1700 wurde die c2-Quartflöte im C1- oder im G2-Schlüssel notiert, jeweils eine Oktave tiefer als sie erklingt. Ihre Bauweise entsprach wohl weitgehend dem 1649 bei Jacob van Eyck abgebildeten Typus.37 Entsprechende deutsche Instrumente wurden in Nürnberg gebaut, z. B. ein Paar Elfenbein-Blockflöten ohne Signatur,38 die Sopranflöten des bekannten Blockflötensatzes von Hieronymus Franziskus Kinsecker (1636–1686)39 und ein Instrument von Johann Christoph Denner (1655–1707), datiert 1682.40
Abb. 1: c2-Quartflöten bzw. c2-Sopranblockflöten, Kopien nach Originalen aus der Zeit zwischen 1670 und 1730 von Johann Christoph Denner (gebaut von Guido Klemisch), Hieronymus Franziskus Kinsecker (von Herbert Paetzold), unsigniertes Original (von Ralf Ehlert), Richard Haka (von James M. Scott), Engelbert Terton (von Bernhard Junghänel) und B. Reich (von Guido Hulsens); Stimmtöne 465, 440 und 415 Hz.
Nach 1700 sind in der Blockflötenmusik unterschiedliche Notationspraktiken zu beobachten: Das jetzt in f1 gestimmte Standardinstrument wurde in England im G2-Violinschlüssel, in Frankreich und Deutschland jedoch im G1-Violinschlüssel notiert. Alle nicht in f1 gestimmten Blockflöten wurden meist so transponierend geschrieben, dass sie mit der Lesetechnik der f1-Instrumente gespielt werden konnten. Für die c2-Blockflöte bedeutete dies, dass ihr Grundton c2 eine Quinte tiefer als f1 notiert wurde – in England im G2-Violinschlüssel, in Deutschland im G1-Violinschlüssel. Als Beispiele für die englische Notationspraxis seien Werke von Georg Friedrich Händel (Flauto piccolo in der Suite III der „Wassermusik“, HWV 350), John Baston (Fifth Flute, Concerto V), François Dieupart (Flautino, Concerto a-Moll) und Giuseppe Sammartini (Concerto F-Dur) genannt. Beispiele für die deutsche Notationspraxis sind bis in die 1760er Jahre u. a. bei Georg Philipp Telemann (Quartflöte, z. B. in der Kantate „Es komm mein End“,41 TVWV 1:519) und Johann Samuel Endler (Flauto piccolo, Sinfonia D-Dur42) zu finden. Allerdings ist die im 17. Jahrhundert übliche Notation der c2-Quartflöte im G2-Schlüssel (als oktavierendes Instrument) auch noch im 18. Jahrhundert praktiziert worden. Als Beispiele sind vor allem die Quartflöten- und einige Flauto-piccolo-Partien von Georg Philipp Telemann zu nennen.43 Auch die Sonata a Fluta di quatre e Basso von Diogenio Bigaglia44 ist in dieser traditionellen Weise notiert.45
Die Bauweise der c2-Quartflöten hat sich in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts den stärker konischen Modellen der hochbarocken f1-Blockflöten angeglichen. Entsprechende Instrumente sind z. B. von Engelbert Terton,46 Richard Haka47 (siehe Abb. 1) und Johann Heitz48 erhalten.
Abb. 2: Blockflöte in c2 von Johann Heitz, Berlin, gebaut zwischen 1702 und 1737 (Abbildung: Sotheby's, November 1989)
Zu den in England gebräuchlichen Small Flutes gehörte außer Octave Flute, Sixth Flute, Fifth Flute und Third Flute auch die Fourth Flute. Dabei handelt es sich – bezogen auf die f1-Flöte – um ein Instrument in b1. Allerdings waren diese englische „Quartflöte“ in b1 und die Third Flute in a1 nur wenig verbreitet. Der Bau der Fourth Flute scheint in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts auf England beschränkt gewesen zu sein.49 In der theoretischen Literatur wird sie nirgends erwähnt. Als flûte du quatre wird sie 1702 in zwei der Six Suittes von François Dieupart (1676–1751)50 und 1751 als Common 4th Flute in The Shepherds Lottery von William Boyce (1711–1779)51 verwendet.
Abb. 3: b1-Fourth Flutes, Kopien nach Originalen von Peter Bressan (gebaut von Guido Hulsens) und Thomas Stanesby jr. (gebaut von Friedrich von Huene)
Eine späte, aber kurze Aufmerksamkeit erlebten die b1-Blockflöten zwischen 1779 und 1786 in Italien, allerdings nicht als „Quartflöten“, sondern als Flauti Dolci Tenorini. Nicola Sansone52 erklärt diesen Begriff als Diminutiv eines Flauto di Tenore in b0, für den er einen Beleg bei Pietro Lichtenthal53 gefunden hat. In der Musikbibliothek des Klosters Einsiedeln54 sind sieben Werke von Andrea Favi (1743–1822),55 sechs Quintette von Domenico Mancinelli (um 1735–1802)56 und ein Terzetto von Pasquale Anfossi (1727–1797)57 mit Tenorini erhalten. Die Notation der b1-Blockflötenstimmen folgt der englischen Tradition, also im G2-Schlüssel in der Grifflage für die f1-Altblockflöte, gegenüber dem Klang folglich eine Quarte tiefer. Inwieweit die Flauti Dolci Tenorini in Mensur und Klangbild noch den hochbarocken Fourth Flutes entsprachen, ist nicht bekannt. Möglicherweise wiesen sie schon Baumerkmale der Blockflöten des 19. Jahrhunderts, also von Fleitl, Flûte douce und Flötuse auf.58
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Zusammenfassend ist festzustellen, dass der Begriff Quartflöte im Sinn von c2-Sopranblockflöte in Deutschland von etwa 1620 bis in die 1760er Jahre gebräuchlich war, also viel länger als die g1-Blockflöte, auf die sich die Bezeichnung bezieht. Nachdem sich die f1-Blockflöte als neuer Bezugspunkt in der Terminologie durchgesetzt hatte, sind in seltenen Fällen mit „Flauti alla quarta“ Instrumente in der Unterquarte gemeint, also Tenorblockflöten in c1. Die Bau- und Spielpraxis der Fourth Flute in b1 (Oberquart zur f1-Blockflöte) ging um 1700 von England aus und erlebte im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts in Italien eine regional begrenzte Tradition.
Um die Mitte des 18. Jahrhunderts setzte ein Wandel in der Bedeutung des Begriffs Flöte ein. Er bedeutete nicht mehr uneingeschränkt Blockflöte, sondern in zunehmendem Maß Querflöte. Das eingangs erwähnte Zitat von Johann Joachim Quantz zeigt, dass damit auch der Begriff Quartflöte eine neue Bedeutung bekam.
Anmerkungen:
[1] Michael Praetorius: Syntagma musicum, Band II, De Organographia; Wolfenbüttel 1619, Faksimile Kassel 21964, S. [22] und 35.
[2] Die Schweizerpfeiff bei Michael Praetorius, S. [22] und 35, in d1 oder g1 gestimmt, ist hier ohne Bedeutung, weil sie allein bey der Soldaten Trummeln gebraucht wird.
[3] Johann Joachim Quantz: Versuch einer Anweisung die Flöte traversière zu spielen; Berlin 1752 und 31789, Faksimile Kassel 1953, 1992, S. 28.
[4] Johann George Tromlitz erwähnt in seinem Buch Ausführlicher und gründlicher Unterricht die Flöte zu spielen, Leipzig 1791, S. 27, Terzflöten, welche man auch Quartflöten nennet, und welche um eine kleine Terz höher. Möglicherweise meinte Quantz also Terzflöten, als er kleine Quartflöten nannte.
[5] Vgl. Peter Thalheimer: Die Terzquerflöte in Es. Baugeschichte, Repertoire und Spielpraxis; in: Musica Instrumentalis, Band 3, Nürnberg 2001, S. 24–44.
[6] Vgl. Peter Thalheimer: Das Repertoire für Flauto d’amore; in: Tibia 40 (3/2015), S. 483–495; Peter Thalheimer: Update zum Repertoire für Flauto d’amore; Tibia online (1.7.2025).
[7] Dietz Degen: Zur Geschichte der Blockflöte in den germanischen Ländern; Kassel [1940], Reprint Kassel 1972, S. 51, dort leider ohne Quellenangabe.
[8] David Lasocki: Not just the Alto. Sizes and Types of Recorder in the baroque and classical Periods; Portland 2020, S. 7.
[9] Daniel Speer: Grund-richtiger, kurz, leicht und nöthiger Unterricht Der Musicalischen Kunst; Ulm 1687, 21697, Faksimile Leipzig 1974.
[10] D. Speer, S. 257. An Speers Grifftabelle ist bemerkenswert, dass das notierte d2 ohne Abdeckung des zweiten Tonlochs („offene None“) gegriffen wird, was zwar für Blockflöten des 16., nicht aber des 17. Jahrhunderts typisch ist.
[11] D. Speer, S. 285
[12] Auf Speers Darstellung bezog sich schon Curt Sachs im Artikel „Quartflöte“ in seinem Reallexikon der Musikinstrumente, Berlin 1913, Reprint Hildesheim 1964, S. 310: „Im 17. und 18. Jh. Die gebräuchlichste Blockflöte mit dem Umfang [c2–c4 als Notenbeispiel], die frühere Diskantflöte in C.“
[13] Bartolomeo Bismantova: Compendio musicale; Ferrara 1677, Faksimile Florenz 1978; deutsche und englische Übersetzung und Kommentar von Bruce Dickey, Petra Leonards und Edward H. Tarr, in: Basler Jahrbuch für historische Musikpraxis II, 1978, S. 143–187.
[14] Vgl. Peter Thalheimer: Neues von Denner – Entdeckungen und Zuschreibungen; in: Tibia 36 (2/2011), S. 402–410, besonders S. 408.
[15] John Hudgebut: A VADE MECUM For the LOVERS of MUSICK, Shewing the EXCELLENCY of the RECHORDER; London 1679, Faksimile Courlay 2001.
[16] Jean-Pierre Freillon-Poncein: La véritable manière d`apprendre a jouer en perfection du hautbois, de la flûte et du flageolet; Paris 1700, Reprint Genève 1974.
[17] Jacques-Martin Hotteterre: Principes de la flute traversiere; Paris 1707, Faksimile Courlay 2001 (Ausgabe von 1707), Faksimile Genève (Ausg. von 1721), Faksimile Kassel 1942 (Ausgabe von 1728)
[18] Thomas Balthasar Janowka: Clavis ad thesaurum magnæ artis musicæ; Prag 1701, Faksimile Amsterdam 1973, S. 44–46.
[19] T. B. Janowka, S. 46: Ambitus Fletnae Bassisticae quae à Discantistica per duplem octavam, & à media per duodeciam quintam profundiùs sonat, ut cum Tastatura Organica conferenti secundùm claves earum aliter non deprehendetur.
[20] Johann Gottfried Walther: Musicalisches Lexicon oder musicalische Bibliothec; Leipzig 1732, Faksimile Kassel 1953, 51993, S. 250.
[21] J. G. Walther, S. 247.
[22] Die Übereinstimmung der notierten Tonumfänge von Quartflöte und Altflöte hat gelegentlich zu der irrtümlichen Ansicht geführt, die Altflöte und die Quartflöte wären bei Walther das gleiche Instrument, nämlich die heutige Tenorflöte in c1.
[23] Joseph Friedrich Bernhard Caspar Majer: MUSEUM MUSICUM THEORETICO PRACTICUM; Schwäbisch Hall 1732, Faksimile Kassel 1954, S. 29.
[24] Johann Philipp Eisel: Musicus autodidactos, Oder Der sich selbst informierende Musicus; Erfurt 1738, Faksimile Leipzig 1976, S. 78–80.
[25] Gemeint ist, dass die Notation der f0-Bassflöte im F4-Bassschlüssel der der f1-Flöte im G1-Violinschlüssel entspricht.
[26] Daniel Berlin: Musicaliske Elementer eller Anleedning til Forstand paa De første Ting udi MUSIQUEN; Tronhiem 1744, S. 101. Siehe auch: John Mosand: Ein wenig bekanntes Buch über Musik und Instrumentenspiel: Johann Daniel Berlin, Musicaliske Elementer, 1744; in: Tibia 8 (1/1983), S. 276–279.
[27] Der Tonumfang reicht also noch höher als bei J. F. B. C. Majer, S. 31.
[28] Antony Baines: James Talbot’s Manuscript; in: Galpin Society Journal I (1948), S. 9–26, hier S. 18. Weil sich Talbot auf Instrumente von Peter Bressan (1663–1731) bezieht und von diesem eine b0-Blockflöte erhalten ist, könnte die Angabe 5th lower korrekt sein.
[29] William Tans’ur: New Musical Grammar: or, the Harmonical Spectator; London 1746, S. 83, fast identisch auch in William Tans’ur: The Elements of Musick; London 1772, S. 90.
[30] Tobias Eniccelius: MELISMATA EPISTOLICA, | Oder | Des theuren Poeten Martin Opitzens | Sontags- | und der Fürnembsten | Fest-Episteln / | In die Music mit nur einer Vocal-Stimm/ | zweyen Quart-Flöten oder Violinen, einen Viol di Gamb | und einen General-Baß zum Clavicymbel | Spinett oder Regal, &c. | Versetzet und componiret | von | Tobia Eniccelio Lescavia-Bohemo | Scholae Tönningensis p. t. Cantore. […] Kiel 1667. Neuausgaben dreier Arien sind enthalten in Flauto e Voce VIII, Carus Stuttgart CV 11.241 und Flauto e Voce 16, Edition Walhall, Magdeburg EW1109.
[31] Vgl. Emil Bohn: Die musikalischen Handschriften des XVI. und XVII. Jahrhunderts in Breslau; Breslau 1890, Reprint Hildesheim 1970, S. 161. Leider ist die Handschrift Sammlung Bohn, Mus. ms. 171.64, immer noch verschollen.
[32] Max Schneider: Die Besetzung der vielstimmigen Musik des 17. und 16. Jahrhunderts; in: Archiv für Musikwissenschaft I (1918), S. 205ff.
[33] Bei D. Degen, S. 51, und D. Lasocki, S. 8, ist dieses Werk wegen der Partien für Quartflöten erwähnt, allerdings irrtümlich unter dem Komponistennamen „Martin Mener“.
[34] Vgl. Peter Thalheimer: Blockflötenensembles in der Vokal- und Instrumentalmusik des 17. und 18. Jahrhunderts – eine Besetzungstypologie. Tibia online (17.01.2022).
[35] Erstdruck dieser Arie in: Flauto e voce II, Carus Stuttgart CV 11.210, S. 22–24.
[36] Erstdruck dieser Szene in: Flauto e Voce XI, Carus Stuttgart CV 11.244, S. 29–32.
[37] Jacob van Eyck: Der Fluyten Lust-hof; Amsterdam 1649; Faksimile Amsterdam o.J.
[38] Bayerisches Nationalmuseum München, Mu 152 und Mu 163, siehe Bettina Wackernagel: Holzblasinstrumente, Tutzing 2005 (Kataloge des Bayerischen Nationalmuseums, Bd. XXII), S. 59–62.
[39] Martin Kirnbauer: Verzeichnis der Europäischen Musikinstrumente im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, Band 2, Flöten und Rohrblattinstrumente bis 1750; Wilhelmshaven 1994 (Quellenkataloge zur Musikgeschichte, hrsg. von Richard Schaal, 24), S. 20–23.
[40] Bachhaus Eisenach, Nr. 115, siehe: Verzeichnis der Sammlung alter Musikinstrumente im Bachhaus zu Eisenach, hrsg. von der Neuen Bachgesellschaft; Leipzig 1964, S. 70. – Ekkehart Nickel: Der Holzblasinstrumentenbau in der freien Reichsstadt Nürnberg; München 1971 (Schriften zur Musik, Herausgeber Walter Kolneder, Bd. 8), S. 218.
[41] D-B, Mus. ms. 21 736/330.
[42] D-DS, Ms. Mus. 1213/20.
[43] Eine Studie zur Quartflöte und zum Flauto piccolo bei Telemann erscheint im Oktober 2025 auf Tibia online.
[44] Diogenio Bigaglia: Sonata a-Moll für Sopranblockflöte und Basso continuo, hrsg. von Hugo Ruf, Mainz 1966 (Edition Schott OFB 3).
[45] Vgl. Thiemo Wind: Bigaglia’s Sonata in A minor – a new look at its originality, in: Recorder and Music Magazine 8, no. 2 (June 1984), S. 49–54. Th. Wind ist der Ansicht, dass es sich bei der in der vorhergehenden Fußnote genannte Version um eine zeitgenössische Bearbeitung der Sonate op. 1/7 von D. Bigaglia handelt.
[46] Vgl. Rob van Acht, Vincent van den Ende, Hans Schimmel: Niederländische Blockflöten des 18. Jahrhunderts. Sammlung Haags Gemeentemuseum; Celle 1991, S. 128–135.
[47] Vgl. Frans Brüggen and Fred Morgan (Hrsg.): The Recorder Collection of Frans Brüggen. Drawings by Fred Morgan; Tokyo 1981, S. 32.
[48] Sotheby’s Musical Instruments London, Sale 22. November 1989, Lot 69
[49] Die erhaltenen Instrumente stammen von Peter Bressan und Thomas Stanesby.
[50] [François] Dieupart: Six Suittes de Clavessin […] Pour un Violon & flûte avec une Basse de Viole & un Archilut; Amsterdam [1702]; Faksimile Münster 1991 (Mieroprint EM 2024).
[51] London, John Walsh [1751]
[52] Foreword zu Andrea Favi: Sinfonia [II] for 2 Descant Recorders in Bb, 2 Horns, 2 Violins, Viola and Bass (Hrsg. Nicola Sansone), Bologna 2012 (Ut Orpheus Edizioni, FL 18).
[53] Pietro Lichtenthal: Dizionario e bibliografia della musica; Milano 1826.
[54] P. Lukas Helg: Die Musikhandschriften zwischen 1600 und 1800 in der Musikbibliothek des Klosters Einsiedeln; Einsiedeln 1995, S. 40, 69, 10.
[55] Die Erstausgabe eines dieser Werke ist in der Fußnote 52 genannt.
[56] Komplette Neuausgabe: Domenico Mancinelli: Sechs Quintette für 2 Blockflöten (Flöten, Oboen), 2 Violinen und Violoncello, hrsg. von Tanja Krause und Stefanie Lüdecke; Winterthur 1999 (Amadeus-Verlag BP 1076). Neuausgabe der Quintette 1–5: Quintette für zwei Tenorblockflöten, 2 Violinen und Violoncello, hrsg. von Nikolaus Delius; Celle 1999 (Edition Moeck Nr. 1142).
[57] Erstausgabe, um eine große Sekunde aufwärts transponiert und für c2-Blockflöten eingerichtet: Pasquale Anfossi: Terzetto für 2 Blockflöten und Violine oder Baßblockflöte, hrsg. von Winfried Michel; Münster 2005 (Mieroprint EM 2090).
[58] Vgl. Peter Thalheimer: Fleitl – Flûte douce – Flötuse. Drei Blockflötentypen des 19. Jahrhunderts; in: Tibia 33 (3/2008), S. 176–183.
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