Sonate h-moll für Flöte und Cembalo BWV 1030, Schwierigkeitsgrad: schwer, Faksimile der Handschrift, mit einer Einleitung von Yo Tomita und Martina Rebmann, München 2025, G. Henle Verlag, 52 Seiten, Hardcover, Partitur und Stimme, HN 3232, € 109,00

 

Johann Sebastian Bachs h-Moll-Sonate BWV 1030 mag man getrost als die bedeutendste Sonate des gesamten Flötenrepertoires überhaupt bezeichnen!  

 

Auch im kammermusikalischen Schaffen des Komponisten selbst nimmt sie aufgrund ihrer ungewöhnlichen Ausdehnung und vor allem wegen ihrer inhaltlichen, vielfältige Ausdrucksformen integrierenden Komplexität eine herausragende Rolle ein.

 

Da uns zudem eine reinschriftliche autographe Partitur überliefert ist, erheben sich im Gegensatz zu anderen Bachschen Flötensonaten auch keinerlei Zweifel bzgl. ihrer Autorschaft.

 

Und dennoch: Auf manche Fragen hätte man doch gerne noch eine Antwort, wie auf die nach einer offenbar früher entstandenen Version derselben Komposition in g-Moll, die Bach offenbar als Vorlage für die wunderschöne Partitur seiner Sonate in h-Moll verwendet  hat.  War es ein Trio mit obligater Laute, wie Klaus Hofmann vermutet – oder eine Oboensonate, wie es die Vertreter dieses Instruments gerne sähen –  oder doch einfach eine Flötensonate in g-Moll (auch so etwas gab es schließlich!).

 

Noch wissen wir es nicht und können munter weiter spekulieren, da von der g-Moll-Version nur eine abschriftliche obligate Cembalostimme erhalten ist. 

 

Apropos „spekulieren“: mir ist erinnerlich, dass Frans Brüggen in seiner Schallplatteneinspielung der Bachschen-Sonaten aus dem Jahre 1976 die letzte B-Seite füllte u. a. mit einer von ihm erstellten „Rekonstruktion“ einer hypothetischen Urfassung eines Teils des ersten Satzes, diesmal in d-Moll und  in der Ensemblebesetzung des 6. Brandenburgischen Konzerts.

 

Die besagte autographe reinschriftliche Partitur befindet sich in der Berliner Staatsbibliothek mit der Inventarnummer P 975. Sie hat nicht zuletzt wegen ihrer ästhetischen Schönheit, die den Geist dieser Komposition in ganz besonderer und durch keine moderne Druckausgabe auch nur annähernd erreichbaren Weise erfahrbar werden lässt, bereits mehrfach zu Faksimile-Editionen Anlass gegeben:

 

Im „Deutschen Verlag für Musik Leipzig“ war bereits 1961 eine solche erschienen, betreut von Werner Neumann.

 

Eine zweite, erheblich umfangreichere Ausgabe veröffentlichte 1989  Marcello Castellani im Verlag SPES Firenze. Sie enthält faksimiliert insgesamt 5  Manuskripte rund um die  h-Moll-Sonate, allesamt aus den Beständen der Berliner Staatsbibliothek: neben der genannten autographen Partitur P 975 eine dazu gehörige separate Flötenstimme (für die Castellani Christoph Friedrich Penzel als Schreiber annahm)  sowie zwei weitere Partiturabschriften  von Johann Philipp Kirnberger und Johann Christoph Altnikol, zudem noch in der Handschrift eines unbekannten Kopisten die obligate Cembalopartie der erwähnten g-Moll-Version.  

 

Sämtliche Manuskripte sind in dieser Ausgabe in von Papierflecken „gecleantem“ Schwarz-Weißdruck wiedergegeben. Sie enthält auch Castellanis ausführliches Vorwort in italienischer und englischer Sprache.

 

Beide bisher genannten Ausgaben sind mittlerweile nur noch antiquarisch erhältlich.

 

In diese Lücke stößt jetzt die hier zu besprechende neue Ausgabe des Henle Verlags. Sie beschränkt sich auf eine hochwertige farbig-fotografische Wiedergabe von J. S. Bachs  Partitur sowie der (getrennt eingelegten) Flötenstimme, als deren Schreiber die neuere Bachforschung mittlerweile Johann Gottlieb Goldberg ausfindig machen konnte.

 

Der Band enthält zunächst einen insg. 32-seitigen Textanteil (deutsch/englisch), in dem von Yo Tomita alle denkbaren Fragestellungen bzgl. der Entstehung und Überlieferung der Quellen auf dem letzten Stand der Wissenschaft gründlichst und mit Notenbeispielen erörtert werden. In einem Kommentar von Martina Rebmann wird sodann zum Thema der Konservierung bzw. Restaurierung von im Erhalt gefährdeten Bach-Handschriften referiert. 

 

Tomita weist auf die besondere und nach seiner Meinung bislang nicht ausreichend gewürdigte Bedeutung der Goldbergschen Abschrift der Flötenstimme hin, vor allem im Hinblick auf ihre verdeutlichende Funktion in einigen textlichen Detailfragen (wie z. B. gewissen Bogensetzungen), die das Bachsche Partiturmanuskript trotz aller Sorgfalt nicht hundertprozentig klärt.

 

Diese Flötenstimme ist bewusst nicht im Band abgedruckt, sondern in den Buchdeckel eingelegt, damit eine heutige Aufführung der Sonate in quasi ultra-authentischer Aufführungspraxis aus den beiden Manuskripten möglich wird (wobei ich gestehen muss, dass sich im Praxistest das übergroße Format des Buches auf meinem Cembalo-Notenpult nicht gefahrlos und blätterfreundlich platzieren lässt).

 

Aus dem Kommentar von Martina Rebmann geht übrigens hervor, dass die alte Neumann-Ausgabe aus DDR-Zeiten das Manuskript in einem Zustand vor der letzten Restaurierung wiedergibt, die neue Henle-Ausgabe jedoch im heutigen Zustand.

 

Auch wer schon eine oder beide der erstgenannten Veröffentlichungen besitzt: die neue Ausgabe stellt einen „Wert an sich“ dar und lohnt auf jeden Fall die zusätzliche Anschaffung, wenn auch nur als Reverenz an dieses Meisterwerk Bachs und das Wunder der auf uns überkommenen handschriftlichen Partitur, in die man sich immer neu vertiefen und von der man sich auch immer wieder für das eigene Musizieren in Bachs Geiste inspirieren lassen kann!

 

Die SPES-Ausgabe behält ihren Wert, weil sie zudem die anderen relevanten Quellen aus Bachs direktem Umfeld enthält.

 

 

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