Georg Philipp Telemanns Methodische Sonaten und Trietti methodichi, in 2 Bänden, Band 1: Musiktheoretische Grundlagen, Band 2: Handbuch der Verzierungen, herausgegeben von Claire Genewein, Dorit Führer-Pawikovsky und Peter Schmid, Zürich 2024, Schmid & Genewein, SG012
Seit den Anfängen der historischen Aufführungspraxis spielt die Auseinandersetzung mit stiltypischen Verzierungen der Barockmusik eine herausragende Rolle. Speziell die pädagogische Annäherung mit Blick auf Lern- und Übestrategien war und ist dabei eine besondere Herausforderung, der sich auch schon Pädagogen des 18. Jahrhunderts (und auch schon zuvor) angenommen haben. So gibt es kaum eine aufführungspraktische Quelle und auch keine Literatur über Alte Musik, wo diese Thematik keine Rolle spielen würde – die Vielfalt macht das grundlegende Erlernen aber nicht gerade einfacher.
Astrid Knöchlein hat sich nun einem der wichtigsten und vielfältigsten Versuche des 18. Jahrhunderts neu angenähert und ihn in eine übergeordnete Struktur gehoben, um gerade auch der modernen Musikerin bzw. dem modernen Musiker, die oder der naturgegebenermaßen nicht im historischen Umfeld aufgewachsen ist, eine neue Methode an die Hand zu geben. Hierbei handelt es sich – wie zu erwarten war – um G. Ph. Telemanns „Methodische Sonaten“ (erster und zweiter Teil, erschienen 1728/1732), in denen er sich wie so oft als herausragender Pädagoge zeigt.
Die Autorin hat ihre Arbeit klugerweise ebenso in zwei Bände aufgeteilt:
Band 1: Musiktheoretische Grundlagen
Dieser Band exerziert in gekonnter Weise die Parameter der Musik und des Musizierens mit Blick auf die Affekte durch. Das ist aber in jeder Hinsicht keine trockene Übung, sondern vermittelt durch die Komprimierung und mit dem Elan der Autorin in kürzester Zeit die Grundlage des barocken Musizierens: alles auf Affekt!
Zwar spielt der Zusammenhang zur Verzierungslehre in diesem Band nur eine untergeordnete Rolle, aber die Wichtigkeit und Immanenz wird dann gerade wegen des längeren Vorlaufs besonders augenfällig.
Band 2: Handbuch der Verzierungen
Es sei vorweggenommen: selbstverständlich wird man nach dem Durcharbeiten dieses Bandes nicht perfekt im Stile Telemanns aus dem Stehgreif verzieren können. Aber dennoch bemerkte ich beim Studieren der langen und minuziös ausgearbeiteten Verzierungstabellen, dass mir Ideen kamen, wie ich ein paar meiner Verzierungsstandards mit wenigen Handgriffen einige neue, kleine Wendungen beifügen könnte. Da die von Telemann verwendeten Verzierungen von sehr einfachen bis recht komplexen reichen, führt mich das zu der Annahme, dass die zunächst etwas trocken wirkenden Tabellen (was sie aber gar nicht sind) jede Musikerin und jeden Musiker auf ihrem oder seinem eigenen Niveau ansprechen.
Interessanterweise schreibt Astrid Knöchlein mit keinem Wort, wie das Handbuch angewendet werden soll, was kurz überrascht, dann aber umso mehr Spaß bereitet, denn man kann sich dem Kompendium auf unterschiedlichste Weise nähern.
Man könnte einen langsamen Satz nehmen und ihn mit dem Buch nebendran ausarbeiten, man könnte einfach durch selbiges blättern und beobachten. Man kann jeden Tag eine Seite studieren und spielen oder man greift auf die Ausgabe zurück, wenn man speziell in einem Werk eine Idee sucht, die außerhalb der eigenen Vorstellung liegt uvm.
Letztlich folgt das dem Geist Telemanns, der die Verantwortung für den eigenen Gebrauch ebenfalls an den Spieler oder die Spielerin weiterreicht. Die Klarheit und Übersichtlichkeit bringen diesen Geist nun in eine besser greifbare, heutigere Form.
P. S.: Verschweigen möchte ich nicht, dass es noch eine Art „Anhang“ gibt (nur online https://cdn.shopify.com/s/files/1/0385/9949/files/Analysen_der_verzierten_Satze_20240705.pdf?v=1720174331), in dem die Autorin sich persönlich den Eröffnungssätzen der Methodischen Sonaten annähert. Das kann durchaus hilfreich sein, gerade für ambitionierte Laien und Studierende, da Astrid Knöchlein immer den wissenschaftlichen Bezug wahrt und daraus ihre Interpretation generiert.
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