Biagio Marini: „Affetti Musicali“, Venedig 1617 Titelblatt
Dieser Text ist eine modifizierte Fassung eines Vortragmanuskripts, das für den ERTA-Kongress 2022 in Bremen entstanden ist. Die dort vorgestellten Hörbeispiele werden durch Partiturausschnitte ersetzt, auf die verwendeten CD-Aufnahmen wird verwiesen. Eine nach Affekten geordnete Werkliste und ein Literaturverzeichnis ergänzen die Ausführungen.
Im 16. Jahrhundert beschränkten sich die Besetzungsangaben in der Vokal- und Instrumentalmusik meist auf die Nennung der menschlichen Stimmlagen Cantus, Altus, Tenor und Bassus. Die Regeln für die Besetzung mit bestimmten Instrumenten waren primär an den Tonumfängen der einzelnen Stimmen orientiert. Für den sinnvollen Einsatz von Blockflöten sind Pierre Attaignants Chanson-Sammlungen von 1533 die bekanntesten Beispiele.
Mit der Entstehung des Generalbasses um 1600 beginnen die Komponisten, die instrumental gedachten Stimmen ihrer Werke mit konkreten Besetzungsangaben zu versehen. Dies steht in direktem Zusammenhang mit der Entstehung der Oper und setzte sich in den Geistlichen Konzerten und Geistlichen Oratorien fort. In dieses Bild passt, dass die meisten frühen Instrumentalstücke, die mit originalen Besetzungsangaben versehen sind, als „Intermedien“ entstanden, also als instrumentale Einlagesätze in größere geistliche oder weltliche Vokalkompositionen. Dabei wurden die Klangfarben der verschiedenen Instrumente dazu verwendet, in instrumentalen Vor-, Zwischen- und Nachspielen eine passende Atmosphäre für die monodischen Gesangsstücke und ihre inhaltliche Botschaft zu erzeugen.
Betrachtet man die Werke von Jacopo Peri, Claudio Monteverdi und Francesca Caccini aus den Jahren 1600 bis 1625, so zeichnet sich schon deutlich ab, für welche Affektdarstellungen Blockflöten im 17. Jahrhundert eingesetzt wurden: In den Texten geht es um Liebe, Liebesschmerz und um das Hirtenmilieu. Ältestes Beispiel ist die Aria von Peri aus der Oper „Euridice“ aus dem Jahr 1600:
Den geistesgeschichtlichen Hintergrund für diese Entwicklung bildet die Idee einer „Renaissance“, also einer Wiederentdeckung der Kunsttheorie der Antike. Die grundlegende Forderung an die Kunst war, die Natur als menschliche Wirklichkeit nachzuahmen. Jacopo Peri schreibt dazu im Jahr 1600: „Beim Singen muss man das Sprechen nachahmen und dabei die Affekte verdeutlichen.“ Dem entsprechend mussten auch die Instrumente „gesanglich“ und „sprechend“ gespielt werden. Die Artikulationslehren von Ganassi (1535) und Bismantova (1677) zeigen, was das für das Blockflötenspiel bedeutet. – Zur Darstellung der Natur als menschliche Wirklichkeit gehörte auch eine erweiterte Affektenlehre: Die elementaren Gemütsbewegungen wie Liebe, Trauer und Freude sollten sich in den musikalischen Parametern wiederfinden, also z. B. in Melodik, Harmonik, Tempo und Klangfarbe.
Im 18. Jahrhundert fand die Idee, die Musikinstrumente mit ihren spezifischen Klangfarben zur Erläuterung der Affekte der Gesangstexte einzusetzen, zunehmende Verbreitung. So kolorieren z. B. Trompeten die Macht Gottes, der Kaiser und Könige, Posaunen die Unterwelt und hohe Streichinstrumente die Verkündigungen der Engel. Die tradierten Affektbereiche der Blockflöte, Liebe, Schmerz und Hirtenmilieu, wurden erweitert. Dazu kamen einerseits Schlaf, Trauer und Tod, andererseits die Imitation von Naturphänomenen wie Wind und Wellen, Licht und Sterne. Darüber hinaus lag es nahe, Blockflöten einzusetzen, wenn es im Text um Vogelgesang ging.
Betrachtet man nun die einzelnen Sätze in barocken Opern und Kantaten, in denen Blockflöten besetzt sind, so zeigt sich, dass die Gesangstexte von etwa drei Vierteln dieser Stücke in die genannten Affektbereiche passen. Beim Versuch, die Stücke einzelnen Affekten zuzuordnen, stellt sich heraus, dass in etwa einem Drittel der Arien gleichzeitig mehrere der genannten Affektbereiche angesprochen werden, also z. B. Liebe und Schmerz und Vogelimitation.
Ausgehend von etwa 100 Stücken geht es in ca. 45 um Liebe, und zwar gleichermaßen um die menschliche wie die Gottes-Liebe, in etwa 30 um Vogelgesang, in 25 um Schmerz, in 9 um Wind und Wellen, in 8 um Trauer und Tod, ebenfalls in 8 um das Hirtenmilieu, in 4 oder 5 um Schlaf bzw. Sterne und Licht.
Wir beginnen mit den Werken, in denen es um Liebe geht. Eine Arie, die Johann Peter Guzinger zugeschrieben wird, verlangt ein Quartett mit 2 Alt-, Tenor- und Bassflöte, also die Normalbesetzung eines Blockflötenquartetts im 18. Jahrhundert.
Die Arie steht in f-Moll, einer der traurigsten Tonarten innerhalb der barocken Tonartencharakteristik. Charakteristisch für die Melodik ist die „traurige“ kleine Terz. In dieser Da-capo-Arie beginnt der Text des A-Teils mit „Süße Lippen, holde Wangen, ach wie gerne wollt ich doch…“ und endet offen. Beim 2. Beginn (T. 7) wird die Deklamation intensiviert durch eine Wiederholung in der Oberquinte. Kurz keimt Hoffnung auf, es folgt ein Phrasenschluss in C-Dur, dann aber Rückkehr ins hoffnungslose f-Moll. Der B-Teil beginnt in As-Dur und liefert die Fortsetzung des Textes: „…mit euch spielen nach Verlangen, zu vermehren mein Gelücke durch der Liebe süßes Joch.“ Auf einen As-Dur-Schluß folgt überraschend C-Dur mit dem Rest des Textes: „Zwar die Scham hält mich zurücke, aber ihr bezwingt mich noch.“ Die Arie endet mit dem A-Teil, wieder in f-Moll.
Vom nächsten Stück nehmen wir zuerst den Text zur Kenntnis:
Michel Pignolet de Montéclair
Mais, tout parle d'amour dans ce riant bocage!
Des oiseaux, le tendre ramage
est répété par les échos.
Le sommeil vient sur moi répandre ses pavots.
Sur ce gazon, sous cet ombrage,
jouissons un moment des douceurs du repos
que m‘a fait perdre mon volage.
Simon-Joseph Pellegrin
(Alles spricht von Liebe in diesem lachenden Wald,
das zärtliche Zwitschern der Vögel
wird vom Echo wiederholt.
Der Schlaf überkommt mich.
Auf dem Rasen im Schatten des Laubes
genießen wir einen Augenblick die Süße der Ruhe,
die ich durch meine Flatterhaftigkeit verloren habe.)
Dieses Air von Michel Pignolet de Montéclair trägt die Überschrift „Sommeil“, es ist also ein Schlaflied, in dem es auch um Liebe und Vogelgesang geht. Die Besetzung ist ungewöhnlich: Zur Sopranstimme treten Sopranino- und Sopranblockflöte. Der Generalbass wird ohne Akkordinstrument in relativ hoher Lage von einer Traversflöte ausgeführt.
Das ungewöhnliche Klangbild der kleinen Arie versetzt die Zuhörer in andere Sphären, in einen Traum. Das Fehlen der realen Basslage entrückt von der Realität. Die hohen Blockflöten imitieren mit Sekundschritten und Punktierungen den Nachtigallenschlag. Die Tonart e-Moll wird von Montéclairs Zeitgenossen Charpentier als „amoureux, plaintif“ charakterisiert.
Dem Hamburger Opernkomponisten Reinhard Keiser sind mehrere besonders eindrückliche Vogelarien gelungen. In einer geht es offensichtlich um einen Vogelschwarm, dargestellt von 4 gleichen Flöten – manchmal fliegt ein Vogel voraus.
Die vierte Altflöte fungiert in der ganzen Arie als Bass, der tiefste Ton des Stücks ist also das f1. So erreicht Keiser eine bodenlose, luftige Wirkung. Im Mittelteil wird dann vor den Schlingen der Vogelfänger gewarnt. Die Blockflöten spielen dazu gebundene Tonwiederholungen, die entsprechend dem frühbarocken Tremolo ohne Zunge auszuführen sind.
In der verbreitetsten Form der Vogelarie wird die Singstimme mit einer Blockflöte kombiniert, und diese ist dann meist ein „Flauto piccolo“. Pietro Torri hat der Nachtigall vor allem ihre Tonwiederholungen und Sekundschritte abgelauscht. Die kanonischen Führungen von Flöte und Singstimme symbolisieren ein weiteres Naturphänomen, das Echo.
Dem Stück liegt ein Passacaglia-Bass zugrunde, der im A-Teil mehrfach und eindringlich wiederholt wird. Das Schmerzhafte des Textes wird durch eine dissonanzenreiche Harmonisierung verstärkt. Das immer abwärts führende und dauernd wiederholte Motiv der beiden Tenorflöten symbolisiert die Ausweglosigkeit des Liebesschmerzes.
Die eindringlichsten Beispiele zum Thema Trauer und Tod stammen von J. S. Bach. Die meisten sind so bekannt, dass sie hier nicht ausführlich vorgestellt werden müssen, so z. B. das Rezitativ „O Schmerz! Hier zittert das gequälte Herz“ aus der Matthäuspassion und der „Actus Tragicus“, Bachs Mühlhausener Trauerkantate.
Die Idee, in einer Trauermusik die Totenglocke von einer Blockflöte imitieren zu lassen, ist bisher nur bei Bach nachzuweisen, so z.B. im Rezitativ „Der Schluss ist schon gemacht“ aus der Kantate „Komm, du süße Todesstunde“ BWV 161. Es endet so:
Das folgende Stück des englischen Organisten Philip Hart (um 1674–1749) stammt aus einer Cäcilien-Ode, die zur Lobpreisung der Musik komponiert und 1703 in London uraufgeführt wurde. Im Text ist vom bewegenden Spiel der Leier, der einsamen Laute und vom sanften Klang der Flöte die Rede – sicher der Anlass für die Besetzung mit Blockflöten. Kompositorische Grundlage ist ein viertaktiger Ground, der 20 mal wiederholt wird, im Mittelteil auch transponiert. Darüber bewegen sich zwei Sopranstimmen und die beiden Blockflöten.
Mit dem Libretto einer Szene aus der Oper „Jephté“ von Michel Pignolet de Montéclair ist uns ein Text erhalten, in dem es um mehrere Affekte geht, die oft mit Blockflöten verdeutlicht werden: Wellen, Schmerz und Vögel.
Michel Pignolet de Montéclair, aus „Jephté“ (1732)
Libretto: Simon-Joseph Pellegrin
Ruisseaux, qui serpentez sur les fertiles bords,
allez, loin de mes yeux, répandre les trésors
qu'on voit couler avec votre onde.
Par le cours de vos flots,
l'un par l'autre chassés,
ruisseaux, hélas! Vous me tracez
I’image des grandeurs du monde.
Le ciel me rend un père; il est victorieux
après une absence cruelle,
pour la première fois,
je le vois en ces lieux:
mais, que me sert l’éclat
de sa grandeur nouvelle?
Il me bannit loin de ses yeux,
il me fuit. Il me livre à ma douleur profonde.
Mais quel accablement retient ici mes pas!
Que j'ai peine à quitter cette paisible rive! Ah! que le repos a d'appas!
Quel sons harmonieux! L'onde semble attentive.
Oiseaux, dont le doux chant vient flatter mes douleurs,
taisez-vous! taisez-vous,
ou du moins que votre voix plaintive
m’entretienne des maux qui font couler mes pleurs;
que tout réponde à mes malheurs.
(Bächlein, die ihr euch an den fruchtbaren Ufern schlängelt,
eilt, um fern meiner Blicke die Schätze zu verbreiten,
die man mit eurer Flut dahintreiben sieht.
Mit dem Lauf eurer Wellen,
von denen eine die andere jagt,
ach, Bächlein, zeichnet mir
das Bild aller Herrlichkeit der Welt.
Der Himmel gibt mir einen siegreichen Vater zurück:
Nach grausamer Trennung
sehe ich ihn zum ersten Mal
in diesen Gefilden.
Aber was nützt mir der Glanz
seiner neuen Größe?
Er verbannt mich aus seinen Augen,
er flieht mich, er überlässt mich meinem tiefen Schmerz.
Aber welche Ermattung hält meine Schritte hier zurück!
Welche Mühe macht es mir, diesen friedlichen Fluß zu verlassen!
Ach, welche Verführung die Ruhe hat!
Welch harmonische Töne! Die Welle scheint zu lauschen.
Ihr Vögel, deren süßer Gesang meine Schmerzen sanft berührt,
schweigt! Schweigt,
oder zumindest sollte eure klagende Stimme
meine Leiden nähren, die meine Tränen fließen lassen;
auf dass alles meinem Unglück entspricht.)
Die Besetzung ist singulär: Die Sängerin wird begleitet von 5 Blockflöten, und zwar von Sopranino-, Sopran-, Alt-, Tenor- und Bassflöte.
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Werkliste und Literaturverzeichnis
Die Affektbereiche sind nach der Häufigkeit ihres Auftretens geordnet. Werke, die in mehrere Bereiche fallen, werden mehrfach genannt. Die Liste enthält nur Stücke, die in Neuausgaben vorliegen. Die Auswahl erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Affekt „Liebe“ Ariosti, Attilio: S’a tal colpo non si spezza. Sopran, Blfl f1, Bc; in: Flauto e Voce X, Carus CV 11.243 Conti, Francesco Bartolomeo: Cares when they’re over. Sopran, Blfl c2 (d2), 2 Violinen, Viola, Bc; Edition Walhall EW999
Imitation von Vogelgesang
Affekt „Schmerz“
Naturphänomene „Wind, Wellen”
Affekte „Trauer, Tod, Totenglocken“
Milieu „Hirten, Schafe“
Atmosphäre „Schlaf“
Naturphänomene „Sterne, Licht“
„Mildern des Kriegsgotts / Widerstand gegen Krieg“
Textzitat „Flöte”
Überirdisches: „Engel“ |
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Literaturverzeichnis (Auswahl)
ERTA-Literaturliste 11: Blockflöte & Stimme. Gedruckte Version, auch online unter www.erta.de
Thalheimer, Peter: Barocke Vogelarien mit Blockflöte. Windkanal 4/2021
Thalheimer, Peter: Blockflötenensembles in der Vokal- und Instrumentalmusik des 17. und 18. Jahrhunderts – eine Besetzungstypologie. Tibia Portal 17.01.2022
Theill, Gustav Adolf: Beiträge zur Symbolsprache Johann Sebastian Bachs, Bd. 2: Die Symbolik der Musikinstrumente. Bonn 1985
Thieme, Ulrich: Die Blockflöte in Kantate, Oratorium und Oper; Teil I–III, Tibia 2/1986, 3/1986, 4/1987
Thieme, Ulrich: Die Affektenlehre im philosophischen und musikalischen Denken des Barock; Teil I–III, Tibia 3/1982, 1/1983, 2/1983
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